Nimm Rassismus den Raum

Die Gesellschaft ist am Brodeln. So lassen es zumindest zahllose Videoaufnahmen auf sozialen Medien erscheinen. Angeführt von dem viral gegangenen Video des Polizeieinsatzes gegen George Floyd, welchem wegen Verdachtes auf eine gefälschte 20 Dollar-Note ganze acht Minuten und 46 Sekunden von einem Polizisten die Luft abgeschnürt wurde und in Folge dessen zu seinem Tod führte. Derartige Videos von rassistisch motivierter Polizeigewalt kursieren nicht erst seit George Floyds Tod in den sozialen Medien, sondern sind besonders ein Symptom eines tief verwurzelten Rassismus in der Gesellschaft. Aus diesem Ereignis entfachte sich der Kampf um Gerechtigkeit und Gleichberechtigung erneut und es kam zu heftigen, teilweise ausschreitenden Protesten und erreicht mittlerweile auch viele europäische Städte. Menschen gehen auf die Straßen, protestieren, zeigen Mitgefühl und wollen mehr Gerechtigkeit für Alle. Black Lives Matter. So nennt sich die führende Protestbewegung und kämpft für eine Gesellschaft ohne Rassismus.

Abb. 1: „Million Hoodie March“ in Union Square, Manhattan on March 21, 2012, protesting George Zimmerman’s shooting of Trayvon Martin

„I have a dream today!“, verkündete Martin Luther King, Jr. am 28. August 1963 am Lincoln Memorial in Washington D.C. Doch erneut zeigte sich, dass er auch in einem der –bezüglich Rassismus– wohl fortschrittlichsten Länder der Welt, immer noch nur davon träumen kann. Diese Worte sind bewusst gewählt. Auch in Österreich herrscht Polizeigewalt und noch mehr Rassismus. Auf unserer Seite des atlantischen Ozeans werden deutlich weniger Menschen von Polizisten erschossen – was auf die unterschiedlichen Waffengesetze und die daraus folgenden Ängste und Ausbildungen der Polizisten zurückzuführen ist. Doch die Gewalt ist auch in einem kleinen Land wie Österreich präsent.

Say their names!

Ahmed F.

Marcus Omofuma

Richard Ibekwe

Imre B.

Binali I. 

Cheibani Wague

Edwin Ndupu

Yankuba Ceesay

Bakary J.

Mike Brennan

…erlitten laut profil.at Polizeigewalt in Österreich, die in Rassismus wurzelt.

Der Rassismus außerhalb der Polizei ist noch viel tiefer mit unserer Gesellschaft und Kultur verankert. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit diesen Themen würde den Rahmen eines Projektvorschlags sprengen. Deshalb soll dies nur eine Anregung darstellen. Dass Rassismus die österreichische Geschichte prägt und in einem Holocaust gipfelte, wird immer mehr –wenn auch dort immer noch große Wissenslücken herrschen, wie eine Umfrage des ORFs zeigt– aufgearbeitet. Aber die Präsenz des Alltagsrassismus, die BIPoC (Black, Indigenous, People of Colour) bei uns jeden Tag erleben, sobald sie ihre eigenen vier Wände verlassen, ist den meisten gar nicht bewusst. Teilweise beginnt es schon bei den eigenen vier Wänden. Nicht nur einmal suchten meine Eltern und deren Arbeitskollegen vergeblich nach einer Bleibe in Innsbruck für Menschen aus aller Welt, die von ihren Ländern Stipendien erhielten, um in unserem Land die Forschung zu unterstützen. Höflichen, freundlichen und gebildeten Menschen wurde die Tür nicht geöffnet, weil sie eine andere Hautfarbe haben. „Tut uns leid, wir nehmen keine Schwarzen“, hieß es. Tausende solcher Geschichten warten darauf gehört zu werden und nun gehen die Menschen auch hier auf die Straßen, um um Gerechtigkeit zu kämpfen. Trotzdem musste meine Mutter auf der Straße die Worte „und des alls wegen oam so am Neger“ überhören. Auch wenn mich und wahrscheinlich euch dieses Gedankengut schockiert und empört, müssen auch wir uns selbst reflektieren. Ich selbst stolpere oft genug über falsche Gedanken.


Abb. 2: Flüchtlinge an der griechisch-nordmazedonischen Grenze nahe Gevgelija, 24.08.2015, Foto: Dragan Tatic

Jede dieser Handlungen hat einen Ort, einen Platz in unserer Gesellschaft. Dies ist der Punkt, der uns angehende Architekten beschäftigt. Wir wollen diese Räume neu besetzen und unseren Teil dazu beitragen, dem Rassismus den Raum zu nehmen. Diese Orte können alles sein. Sie reichen von Massenvernichtungslagern, wie Auschwitz Birkenau, bis hin zum Dorfbus. Rassismus kann überall stattfinden. Die Vielfalt der Orte ist unzählbar. George Floyd starb mitten auf der Straße. Breonna Taylor in ihrem Zuhause. Tausende Flüchtlinge ertrinken im Mittelmeer.


Abb. 3: Terrence Floyd an dem zu einem Gedenkort gewordenen Platz, wo sein Bruder George von Polizisten getötet wurde (Minneapolis, Juni 2020)

Genau diese Orte sollen in unserem Projekt in Minecraft einen Platz finden. Dadurch möchten wir vor allem eines erreichen: Dem Rassismus den Raum nehmen.

Entscheidet man sich dazu bei unserem Protest mitzumachen spawnt man direkt zu Beginn in einer völlig schwarzen Umgebung. Ausgestattet werden die Teilnehmer/innen lediglich mit einer bestimmten Anzahl an Schildern, die im weiteren Verlauf der Protestaktion noch eine wichtige Rolle spielen sollen. Nun kann man erste Schritte gehen, jedoch ohne zu wissen wo sie einen hinführen, bis man die erste Bodenplatte betritt durch die man völlig zufällig in einen anderen Raum teleportiert wird. In diesem Moment startet unsere Protestaktion erst wirklich. Von jetzt an spawnen die Teilnehmer zufällig in unabhängigen von uns geschaffenen räumlichen Strukturen.

Diese Räume sind alle unterschiedlich, haben jedoch eines gemeinsam: es handelt sich immer um Orte des Rassismus; Orte an denen Rassismus tagtäglich und im Allgemeinen eine Rolle spielt, oder Schauplätze an denen spezifische Taten in Zusammenhang mit Rassismus stattgefunden haben. 

So findet sich so mancher Teilnehmer beispielsweise mitten im Meer auf einem Flüchtlingsboot wieder, ein anderer im Haus der 26-jährigen Breonna Taylor, die dort von Polizisten erschossen wurde. Dort wird man direkt mit der Situation konfrontiert und muss sich unmittelbar damit auseinandersetzen – die Möglichkeit zum Verlassen der Umgebung gibt es vorerst nicht, sondern erst, wenn diese komplett durchlaufen wurde und ein weiteres Portal erreicht wird. 

Innerhalb unserer Raumstrukturen wollen wir versuchen die dort herrschende Atmosphäre so gut wie möglich zu vermitteln. Da dies grafisch in manchen Situationen durch Minecraft sicherlich zum Problem wird wollen wir, zusätzliche Soundeffekte oder eingesprochene Texte vom realen Schauplatz einspielen. 

Grundsätzlich soll es aber nicht nur um eine ganz spezielle Raumerfahrung gehen, sondern hauptsächlich darum die Möglichkeit zu haben Wut, Sorge und Meinung zum Ausdruck zu bringen. Dies geschieht über die im Inventar eines jeden Spielers vorhandenen Schilder. Diese können von den Teilnehmern beschriftet und anschließend in den Raumstrukturen platziert werden. Die Schilder dienen aber nicht nur der Meinungsäußerung, sondern sollen – nach einer gewissen Zeit – einen Großteil der Räume einnehmen. 

Wir haben uns natürlich auch mit etwaigen Problemen auseinandergesetzt die durch die Verwendung von Minecraft und einem öffentlichen Server unsere Protestaktion negativ beeinflussen könnten. Zum einen werden wir durch passende Plug-Ins Einfluss auf die Interaktionen von Teilnehmern und die von Minecraft automatisch generierte Umgebung nehmen. Beispielsweise soll das Zerstören unserer Räume und auch das Abbauen bereits vorhandener Schilder also auf keinen Fall möglich sein. Bei der Schaffung der Räume ist uns vor allem wichtig, dass diese völlig losgelöst von der restlichen Minecraft Welt existieren. Als Teilnehmer soll man auf keinen Fall durch die typische Minecraft Weltgenerierung abgelenkt werden und es soll einem auch nicht möglich sein unsere Raumstrukturen auf einem anderen Weg als durch die von uns platzierten Portale zu verlassen.

Klar ist uns aber auch, dass wir nicht kontrollieren können was letztendlich auf den Schildern steht. Wir sind uns noch unsicher wie wir mit rassistischen oder anstößigen Äußerungen umgehen sollen. Zum einen haben wir die Idee diese in einen separaten Raum zu verschieben. Dieser könnte als Replikat des virtuellen rassistischen Raumes fungieren indem anschließend auch wiederum dagegen protestiert werden könnte. Zum anderen wollen wir dem Rassismus aber auch keinen Raum lassen. Ebenso stellt sich die Frage ab wann eine Äußerung als negativ zu betrachten ist und wer das schlussendlich bestimmen soll.  

Natürlich stellt sich nun auch die Frage warum unsere Protestaktion auf Minecraft stattfinden soll und wir nicht einfach auf soziale Netzwerke zurückgreifen. Wir denken Minecraft eignet sich besonders deshalb, da wir dort ständig veränderbare Raumstrukturen schaffen können. Diese von uns angedachten Strukturen zeigen zu Beginn zwar nur negatives, sollen sich mit der Zeit aber immer weiter verändern. Die Protestschilder sollen also nach und nach die gesamten Räume restlos einnehmen. Kein Platz soll mehr frei bleiben, womit wir ein zusätzliches Zeichen setzen wollen: Rassismus hat keinen Platz verdient und das weder in der virtuellen Welt noch in der Realität.

Literaturverzeichnis:

Hill, Evan, Ainara Tiefenthäler, Christiaan Triebert, Drew Jordan, Haley Willis, und Robin Stein. „8 Minutes and 46 Seconds: How George Floyd Was Killed in Police Custody“. The New York Times, 31. Mai 2020, Abschn. U.S. https://www.nytimes.com/2020/05/31/us/george-floyd-investigation.html.

Holzmueller, Ines. „Tödliche Polizeigewalt auch in Österreich“, 5. Juni 2020. https://profil.at/oesterreich/blacklivesmatter-toedliche-polizeigewalt-auch-in-oesterreich/400929920.

Luther King, Jr., Martin. „Martin Luther King I Have a Dream Speech – American Rhetoric“, 28. August 1963. https://www.americanrhetoric.com/speeches/mlkihaveadream.htm.

Zeitung, Süddeutsche. „Black Lives Matter: Protest, mal anders“. Süddeutsche.de. Zugegriffen 10. Juni 2020. https://www.sueddeutsche.de/panorama/usa-australien-europa-rassismus-protest-1.4930411.

Abbildungsverzeichnis:

Abb. 1: David Shankbone – Own work,CC BY 3.0, This image contains persons who may have rights that legally restrict certain re-uses of the image without consent. File:Trayvon Martin shooting protest 2012 Shankbone 25.JPG, Created: 21 March 2012

Abb. 2: Bundesministerium für Europa, Integration und Äusseres – Arbeitsbesuch Mazedonien, CC BY 2.0, File:Arbeitsbesuch Mazedonien (20270359624).jpg, Erstellt: 2015-08-24 10:10

Abb. 3: Lorie Shaull – https://www.flickr.com/photos/11020019@N04/49960683978/, CC BY-SA 2.0, File:Terrence Floyd, George Floyd’s brother visits the location where his brother was killed, now a memorial, at Chicago Ave and E 38th St in Minneapolis, Minnesota – 49960683978.jpg, Erstellt: 2020-06-01 11:43:59

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